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Umfeld.
Gemäß des Entwicklungsbildes der „Perlenkette“ lebt Travemünde – im Unterschied zu der Monostruktur vieler anderer Seebäder - von der Heterogenität und Lebendigkeit seiner baulichen und stadträumlichen Strukturen.
Diese beginnen mit der bis heute prägnanten Ablesbarkeit der Altstadt im Stadtgrundriss und ihrer Differenz zu Kurgebiet und Hafen, und enden in der nun vorliegenden Aufgabenstellung einen weiteren, höchst individuellen Ort, den Fischereihafen, dieser „Perlenkette“ hinzuzufügen.

Im Gegensatz zu einer klassischen Kurpromenade steht im Fischereihafen nicht die Kultur des Flanierens oder der Aufenthalt in einer touristisch-optimierten Umgebung aus Gastronomie und Shopping im Vordergrund, sondern vielmehr das Erlebnis eines authentischen Fischereibetriebes.
Auch wenn der eigentliche Betrieb seit Jahren weniger wird und möglicherweise langfristig ganz verschwindet, so stiftet er dennoch die Identität dieses Ortes, zwischen Altstadt- und Wasserkante.
Er tut dies, im kleinsten Maßstab, durch die Betriebsamkeit der Berufsfischer und deren zahlreiches Handwerkzeug: Stapel aus knallbunten Fischkisten, geschichtete Netze, Container und alte Boote stehen als authentische Marken im Strom der Besucher und Flaneure.
Im großen Maßstab lassen die alten Hallen und Häuser Räume eher entstehen als diese zu bilden. Gebäude, welche noch der Fischerei dienen, erscheinen in Ihrer Ausrichtung und Gestaltung einfach und klar. Beides fördert den Erhalt des Hafencharakters und bietet gleichzeitig die Chance, dass neue Nutzungen diese Innen- und Außenräume vielfältig bespielen und Stiche von der Straße Auf dem Baggersand an die Wasserkante durchbinden.

Die Neubauten der letzten Jahre tragen hingegen den touristischen Interessen und dem Versuch einer „modernen Bäderarchitektur“ Rechnung. Hierbei droht das Ambiente des Fischereihafens und insbesondere die Authentizität des Ortes um den Preis maximal vermarktbarer Flächen und meistmöglicher Außensitzplätze verloren zu gehen.

Dieser Entwicklung muss entgegengewirkt werden.

Gebäude.
Mit der Neubebauung des Grundstücks Auf dem Baggersand 5, unmittelbar oberhalb der Netzewiese, soll der Charakter des Ortes wieder gestärkt werden.

Die Dimension der Baufläche bietet die Chance ein Gebäude im Maßstab der strukturgebenden Bauten auf dem Baggersand zu errichten. Gleiches gilt für die Höhenentwicklung. Mit drei Geschossen und der vorliegenden Ausdehnung in Länge und Breite tritt der Entwurf im Fischereihafen als weiterer Solitär angemessen auf.
Zu den Nachbarbauten hält das Gebäude Abstand. Es entstehen zwei Stiche über den Baggersand hinunter ans Wasser.

Zwischen dem Neubau und dem bestehenden Haus Pier 3 ist ein Durchstich entlang der Pier 3-Fassade attraktiv. In unmittelbarer Nachbarschaft zum hier ebenfalls bestehenden Parkplatz erhält der Neubau die Zufahrt zu seinen acht Garagenstellplätzen im Erdgeschoss des Baukörpers. Im folgenden Stich übernimmt die Erdgeschossfassade des Neubaus die Geleitung der Passanten in Richtung Wasser. Die schwach gestaltete gegenüberliegende Fassade des bestehenden Gewerbebetriebes tritt in ihrer Bedeutung zurück.

Zur Straße Auf dem Baggersand fasst der Neubau den Straßenraum durch ein kompaktes Vorfeld. Lediglich die rollstuhlgerechten Stellplätze werden hier nicht störend organisiert.
Die erdgeschossigen Gewerbeeinheiten sind unmittelbar zum Fußweg orientiert. Der Zugang zu den aufgehenden Geschossen tritt in der Fassade angemessen in Escheinung.
Alle Nutzungen sind in der Fassadenabwicklung ablesbar und verleihen dem Baukörper eine funktionsbezogen Ästhetik als Interpretation der „Funktionsbauten“ des Hafens.

Während die Erdgeschosszone nutzungsspezifisch mal in Ziegel einen Sockel, respektive in Glas eine Gewerbenutzung mit hoher Transparenz kommuniziert, tritt in den beiden Obergeschossen eine lebhafte Fassadengestaltung hinter eine Lamellenstruktur zurück.

Im ersten Obergeschoss steht Raum für zwei bis drei Praxen oder Büroeinheiten zur Verfügung. Die Grundrisse berücksichtigen zeitgemäße Raumstrukturen und –zuschnitte und tragen gleichzeitig der hochwertigen Lage zwischen Straße und Wasser Rechnung. Die Funktionsräume sind zentral und innenliegend organisiert, sodass die Fassadenabwicklung allein für Aufenthaltsräume zur Verfügung steht.

Die konstruktive und überwiegend gläserne Fassade tritt hinter die Lamellenstruktur und bietet so rundherum Austrittsmöglichkeiten in einen schmalen Umgang. Die Lamellen lassen sich rechtwinkelig klappen und so öffnen. Hierbei erscheint das Gesicht des Hauses ständig verwandelt, je nach Anforderung des Nutzers an Ausblick oder Intimität, Wetterlage oder Tageszeit. Akzentuiert wird dieses Fassadenspiel durch tiefere Brüche, die abstrakt Format und Farbigkeit des Hafens von bunten Fischboxen bis hin zu geschichteten Container widerspiegeln.

Dieses Motiv setzt sich im 2. Obergeschoss fort. Hier stehen, erschlossen über den Aufzug oder das Treppenhaus, drei barrierefreie Wohnungen unterschiedlicher Größe zur Verfügung. Offene Grundrisse verbinden auch hier die Straßenseite mit ihrem Bezug zur Altstadtkante mit dem Ausblick auf das Treiben am Hafen und weit über das Wasser.

Der Baukörper springt wasserseitig deutlich hinter der Lamellenhaut zurück, reduziert so das Volumen und bildet attraktive Terrassenflächen aus. Ein boxartiges Element im mittleren Grundriss verbleibt „vorne“, differenziert so die Fassade und separiert die drei den Einheiten zugeordneten Außenräume.

Die umfassende Aufgabe zur Straße Auf dem Baggersand diese zu begleiten und zu fassen und gleichzeitig zur Wasserseite different zu sein, nimmt die Fassade des Entwurfes für alle vier Seiten an. Auch die Seitenfassaden müssen begleitende oder praktische Funktionen übernehmen und gleichzeitig dem Nutzer dienen. So nimmt das Gebäude auf der einen Seite die Autos auf und lässt Raum für die erdgeschossige Ausstrahlung des Hauses Pier 3, während sie auf der anderen Seite selbst mit einer offenen Erdgeschosszone die Passanten Richtung Wasser geleitet. Auf der Straßen- oder Wasserseite sind alle Nutzungen ablesbar, ohne dass die Fassaden als Straßen- oder Wasserfassaden explizit gestaltet werden müssen. Wasserseitig nimmt das Volumen in der Vertikalen ab. Alle weiteren Strukturierungen und Veränderungen ergeben sich aus einer lebendigen Nutzung.

Netzewiese.
Die wasserseitig vorgelagerte und mit Buden und Parken überfrachtete Netzewiese steht aktuell nicht als erlebbarer Außenraum zur Verfügung. Im Zusammenspiel mit dem Entwurf des Gebäudes wird die Wiese als offene und durch jedermann anzueignende Fläche interpretiert. Hier bleibt ein Raum, in Ausdehnung denen der Baufelder ebenbürtig, frei.

Das offene Feld wird längstmöglich weiterhin durch die Fischer bespielt. Zug um Zug kann die Wiese als Ruheinsel und ausdrücklich ohne besonderes „Angebot“ durch die Besucher des Fischereihafens übernommen werden. Temporär und maßstäblich begleiten zwei bis drei Buden einen der Stiche vom Baggersand. Diese Anordnung entzerrt die Enge an der Wasserkante und hält die Sichtachsen frei. Untergeordnete Elemente zum Sitzen oder Ruhen in den Stichen und entlang der Wiese interpretieren die „herumstehenden“ Zutaten des Hafentreibens über dessen Betrieb hinaus.

Das neue Gebäude Auf dem Baggersand 5 hält Abstand zu der gemeinsamen Grenze mit der Netzewiese. So besteht nutzungsabhängig die Möglichkeit mit der Wiese zu interagieren oder Distanz zu wahren. Der Raum auf dem eigenen Grundstück kann exponiert genutzt oder zur Schaffung von Intimität herangezogen werden.

Das Zusammenspiel aus der offenen Netzewiese und dem neuen Gebäude schafft am Ort einen maßstäblichen Beitrag.

Das Gebäude bietet für die angestrebten Nutzungen professionelle Raumangebote und tritt mit seinem Umfeld in einen spannenden und stetig wechselnden Dialog. Zu allen Seiten bringt sich der Entwurf in die Verbesserung der Strukturen ein. Die Gestaltung wird einem Solitär im Zusammenklang mit anderen, selbstbewussten Gebäuden unterschiedlicher Nutzung und Zeit gerecht. Das Haus dient seinem Umfeld und der Fischereihafen prägt seine Gestalt. So behält der Hafen seine identitätsstiftende Rolle an einem der vielen besonderen Orte Travemündes.